Ist eine C-Potenz „stärker“ als eine D-Potenz? Wirkt sie länger? Oder ist der Unterschied nur eine Frage der Rechenweise? In Foren und Ratgebern finden Sie dazu viele, oft widersprüchliche Aussagen. Dieser Beitrag trennt drei Ebenen: was die homöopathische Lehre behauptet, was sich tatsächlich messen und rechnen lässt und was Studien zeigen. Am Ende prüfen wir sechs verbreitete Annahmen. Wenn Sie zuerst wissen möchten, wie die Skalen 1:10 und 1:100 überhaupt funktionieren, lesen Sie unseren Grundlagenbeitrag Wie sich D- und C-Potenzen unterscheiden.
Inhalt
Was behauptet die homöopathische Lehre über D und C?
Nach der homöopathischen Lehre soll ein Mittel mit jeder Potenzierung „stärker“ werden. So fasst das Fachportal PTAheute die Vorstellung zusammen. Daraus leitet die Lehre mehrere Regeln ab:
- Wirkdauer: Laut einem Bericht der Pharmazeutischen Zeitung über ein Apotheken-Seminar hält eine D4 oder D6 nach der Lehre einige Stunden an, eine D12 etwa ein bis zwei Tage, höhere C-Potenzen Wochen bis Monate.
- Anwender: Einsteiger sollen mit Tiefpotenzen beginnen, in Deutschland meist D4 oder D6. Hochpotenzen gehören nach dieser Sicht in die Hand erfahrener Behandler.
- Bevorzugte Stufe: Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, bevorzugte laut Wikipedia die C30 und empfahl sie für Arzneimittelprüfungen.
Bemerkenswert ist eine Aussage aus demselben Bericht der Pharmazeutischen Zeitung: Aus homöopathischer Sicht entspreche eine D6 der C6, obwohl sich die Konzentrationen rechnerisch unterscheiden. In der Lehre zählt also vor allem die Zahl der Schritte, nicht die tatsächliche Verdünnung.
Welche Unterschiede lassen sich tatsächlich messen?
Unabhängig von der Lehre gibt es zwischen D- und C-Potenzen einige Unterschiede, die sich rechnen oder belegen lassen. Die Tabelle stellt sie den Aussagen der Lehre gegenüber.
| Merkmal | Belegt? | Erläuterung |
|---|---|---|
| Verdünnung je Schritt | ja | D: 1:10, C: 1:100. Eine C6 ist so verdünnt wie eine D12. |
| Zahl der Herstellungsschritte | ja | Für dieselbe Verdünnung braucht die C-Skala halb so viele Schritte. |
| Rechnerischer Stoffgehalt | ja | Ab D24 beziehungsweise C12 ist kein Molekül mehr zu erwarten. |
| Giftigkeit niedriger Potenzen | ja | Niedrige Potenzen können noch messbare Mengen und bei Giften auch schädliche Mengen enthalten. |
| Regeln für die Anwendung | ja | Die Kommission D am BfArM unterscheidet niedrige (bis D23/C11) und hohe Verdünnungsgrade (ab D24/C12). |
| Stärkere Wirkung höherer Potenzen | nein | Aussage der Lehre, nicht durch Studien gestützt. |
| Längere Wirkdauer höherer Potenzen | nein | Aussage der Lehre, nicht durch Studien gestützt. |
Die Grenze, ab der rechnerisch kein Ausgangsstoff mehr enthalten ist, heißt Avogadro-Grenze. Wo eine bestimmte Potenz liegt, zeigt Ihnen der Potenz-Rechner.
Was zeigen Studien zu Potenzen?
Die meisten Studien untersuchen nicht den Unterschied zwischen D und C, sondern die Frage, ob Homöopathie überhaupt über Placebo hinaus wirkt. Die Ergebnisse großer Übersichtsarbeiten sind eindeutig:
- Die Forschergruppe um Aijing Shang verglich 110 placebokontrollierte Homöopathie-Studien mit 110 passenden Studien der konventionellen Medizin. Nach Berücksichtigung der Studienqualität fand sie nur schwache Hinweise auf einen spezifischen Effekt der Homöopathie, für die konventionelle Medizin dagegen starke. Das Ergebnis passe zu der Annahme, dass die klinischen Effekte der Homöopathie Placebo-Effekte sind.
- Der australische Forschungsrat NHMRC kam zu dem Schluss, dass es für keinen Gesundheitszustand verlässliche Belege für eine Wirksamkeit gibt.
- Der Rat der europäischen Wissenschaftsakademien EASAC hielt fest, dass für keine bekannte Erkrankung robuste und reproduzierbare Belege für einen Nutzen über Placebo hinaus vorliegen.
Zu einzelnen Potenzen gibt es wenige Hinweise. Laut Wikipedia zeigten Hochpotenzen von Belladonna in Arzneimittelprüfungen keinen Unterschied zu Placebo. Eine frühere Metaanalyse von Klaus Linde, die einen Effekt nahelegte, bezeichnete der Autor später selbst als nicht haltbar. Belastbare Doppelblindstudien, die zeigen, dass D- und C-Potenzen sich in ihrer Wirkung unterscheiden, sind uns nicht bekannt. Einen ausführlichen Überblick gibt unsere Seite zur Studienlage.
Mythen-Check: Was stimmt, was nicht?
„D12 und C12 sind praktisch dasselbe“
Stimmt nicht. Eine C12 ist 1:1024 verdünnt und entspricht damit einer D24. Eine D12 ist 1:1012 verdünnt. Zwischen beiden liegt der Faktor eine Billion. Die D12 enthält rechnerisch noch Ausgangsstoff, die C12 liegt an der Avogadro-Grenze.
„Eine höhere Potenz enthält mehr Wirkstoff“
Stimmt nicht. Es ist genau umgekehrt: Je höher die Zahl, desto stärker verdünnt ist das Mittel. Dass die Homöopathie höhere Potenzen trotzdem „stärker“ nennt, beruht auf ihrer Vorstellung von einer Arzneikraft, nicht auf der Stoffmenge.
„D6 und C3 sind dasselbe Mittel“
Teilweise. Chemisch sind beide gleich verdünnt, nämlich 1:1.000.000. Sie entstehen aber in unterschiedlich vielen Schritten, die D6 in sechs, die C3 in drei. Für die homöopathische Lehre sind es deshalb verschiedene Mittel. Für die Chemie zählt nur die Konzentration.
„Das Verschütteln speichert eine Information im Wasser“
Nicht belegt. Diese Vorstellung wird oft als Gedächtnis des Wassers bezeichnet. Der Immunologe Jacques Benveniste veröffentlichte dazu in der Fachzeitschrift Nature eine vielbeachtete Arbeit. Bei einer anschließenden Überprüfung unter verblindeten Bedingungen verschwand der Effekt. Spätere unabhängige Versuche konnten ihn ebenfalls nicht bestätigen. Der EASAC beschreibt mögliche Gedächtniseffekte von Wasser als zu kurzreichweitig und zu flüchtig, um eine Wirkung zu erklären.
„Eine Erstverschlimmerung zeigt, dass die Potenz passt“
Nicht belegt. Homöopathen beschreiben eine vorübergehende Verschlechterung nach der Einnahme als Zeichen einer Reaktion. Laut Wikipedia ist die Existenz dieses Phänomens nicht nachgewiesen. Mehr dazu im Glossar unter Erstverschlimmerung. Verschlechtern sich Beschwerden, gehört das ärztlich abgeklärt.
„Hochpotenzen eignen sich gut zur Selbstbehandlung“
Nicht nach den Regeln der Homöopathie selbst. Die Kommission D am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht für Potenzen ab D24 beziehungsweise C12 eine individuelle Dosierung durch einen homöopathisch erfahrenen Therapeuten vor. In der Selbstmedikation ist nur eine einzelne Gabe vorgesehen. Was C30 und C200 genau bedeuten, lesen Sie im Beitrag C-Potenzen: Was Sie wissen sollten.
Was bedeutet das für Ihre Wahl?
Für die Praxis lässt sich festhalten: Der Unterschied zwischen D und C ist ein Unterschied der Herstellung und der Konzentration. Eine stärkere oder längere Wirkung der einen Skala ist nicht belegt. Welche Potenz ein Mittel hat und wie es angewendet wird, legt der Hersteller in der Packungsbeilage fest. Bei Fragen zur Anwendung hilft die Apotheke. Bei starken, ungewöhnlichen oder lange anhaltenden Beschwerden gehört die Ursache ärztlich geklärt. Das betont auch das Apothekenportal aponet.de.
Ein Risiko liegt weniger im Mittel selbst als im Aufschub. Der EASAC warnt, dass der Einsatz der Homöopathie eine wirksame Behandlung verzögern kann.
Lehre und Studienlage selbst nachlesen
Wer die Sicht der Homöopathie im Original kennenlernen möchte, findet sie in Nachschlagewerken. Lesen Sie solche Bücher als Darstellung einer Lehre, nicht als Beleg für eine Wirkung.
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Häufige Fragen
Gibt es Studien, die D- und C-Potenzen direkt vergleichen?
Belastbare Studien, die einen Wirkungsunterschied zwischen D- und C-Potenzen über Placebo hinaus zeigen, sind uns nicht bekannt. Große Übersichtsarbeiten fanden für Homöopathie insgesamt keinen verlässlichen Wirksamkeitsnachweis.
Warum gibt es überhaupt zwei Skalen?
Hahnemann arbeitete mit Hunderterschritten, also der C-Skala. Das Dezimalsystem entwickelte später Arthur Lutze, Constantin Hering führte es in die Behandlung ein. Beide Skalen werden bis heute nebeneinander angeboten.
Ist eine C-Potenz schneller wirksam als eine D-Potenz?
Dafür gibt es keinen Beleg. Aussagen zu Wirkeintritt und Wirkdauer stammen aus der homöopathischen Lehre und wurden nicht in aussagekräftigen Studien bestätigt.
Enthält eine C30 noch etwas vom Ausgangsstoff?
Rechnerisch nein. Eine C30 ist 1:1060 verdünnt und liegt weit hinter der Avogadro-Grenze bei C12. Globuli einer C30 bestehen damit praktisch nur aus dem Trägerstoff, meist Saccharose.
Woran erkenne ich, ob ein Mittel eine D- oder C-Potenz ist?
Am Kürzel hinter dem Mittelnamen auf der Packung, zum Beispiel D12 oder C30. Im englischen Sprachraum steht für D-Potenzen oft ein X, etwa 12X.
Quellen
- PTAheute: Wie werden Homöopathika hergestellt? (Lehrmeinung: höhere Potenz „stärker“). ptaheute.de
- Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 22/2006: Der Weg zum richtigen Mittel (Wirkdauer laut Lehre, D6 entspricht C6 aus homöopathischer Sicht). pharmazeutische-zeitung.de
- Shang A. et al.: Are the clinical effects of homoeopathy placebo effects? The Lancet, 2005. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- NHMRC (Australien): NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions, 2015. apo.org.au
- EASAC: Homeopathic products and practices, Statement 2017 (Placebo, Gedächtnis des Wassers, Verzögerung wirksamer Behandlung). interacademies.org
- Wikipedia (englisch): Water memory (Benveniste, Nature 1988, verblindete Überprüfung; Sekundärquelle). en.wikipedia.org
- Wikipedia: Homöopathie (C30 bei Hahnemann, Belladonna-Prüfungen, Linde 1997, Erstverschlimmerung, Toxizität niedriger Potenzen; Sekundärquelle). de.wikipedia.org
- BfArM, Kommission D: Neufassung der Dosierungsempfehlungen für homöopathische Arzneimittel (Grenze D23/C11 und D24/C12). bfarm.de
- aponet.de: Homöopathie: Was Globuli, Potenzen und das Ähnlichkeitsprinzip bedeuten. aponet.de
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